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Vom Luftschloss begraben

Prosa Pralinen und anderes episches Konfekt | Vom Luftschloss begraben

Meine erste Todesermittlung war 1917. Die Hitze der Mittagssonne staute sich unter meiner Uniform, als ich mit dem Feldwebel am Fundort stand. Auf der geteerten Dorfstrasse parkierte ein neumodischer Lastwagen mit offener Heckklappe. Davor lag ein Haufen aus grossen Holzkisten und Paketen. Erst als wir nähertraten, sah ich die Arme und den Kopf eines Mannes. Erschlagen und überschüttet. Ich versuchte die Dauerschleife zwischen Wissensdurst und Entsetzen auszuhalten.

Ich musste seine Frau mit der tragischen Nachricht aus ihrem Alltag reissen. In Tränen aufgelöst, teilte sie mit uns aufschlussreiche Einzelheiten. Mit der neugegründeten Spedition hatte sich ihr Mann schnell in eine Sackgasse manövriert. Noch bevor er den LKW gekauft hatte, überstiegen die Aufträge seine Kapazität. Das hinderte ihn nicht, weiterhin neue anzunehmen. Die Garage reichte als Lager nicht mehr aus und im ganzen Haus häuften sich Kisten. Die Papierablage wurde unübersichtlich. Bald lieferte er die Ware entweder verspätet, beschädigt oder am falschen Ort. Zwei Tage vor dem Vorfall hatte ein Windstoss die Lieferzettel aus der Garage in den Regen hinausgeweht. Seine Frau bat ihn telefonisch die Zielorte zu überprüfen. Aber seine Angst, sich unbeliebt zu machen, war zu gross. Er fuhr ohne die genauen Adressen los. Dabei verzögerte sich jede Etappe. Zeugen haben bestätigt, dass er die Pakete mehrmals hektisch verschoben hat. Seine Kunden haben von einem instabilen Laderaum ohne Sicherung berichtet. Beim letzten Entladen lief sogar noch der Motor, als er in den Laderaum steigen wollte. Dabei ist das Ladegut letztlich über ihn hereingebrochen.

In meinen vierzig Dienstjahren habe ich diesen Fall nie vergessen. Dieser Mann, der keine Grenzen setzen und nicht Nein sagen konnte. Der zu konfliktscheu war und jede Bitte erfüllen musste. An den Teufelskreis, der ihn gefangen hielt und schliesslich verschluckt hat. In meiner Laufbahn habe ich viele Menschen gesehen, die im selben Sog untergegangen sind. Heute, am Tag meiner Abdankung, übergebe ich Dir nicht nur alle Verantwortungen, sondern hinterlasse Dir auch diese Anekdote.

Mit den besten Wünschen,
Oberst Instruktor a.D.

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© messina solutions | 09.05.2026

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Ungebetene Gäste

Prosa Pralinen und anderes episches Konfekt | Ungebetene Gäste

Ich lernte gerade bei meinem Vater die Arbeit als Stadtplaner, als er in die Schlacht gegen Sparta reiten musste. Stolz übernahm ich seine Aufgaben. Aber keine Woche verging, da war mein Tatendrang verflogen. Dass ich alleine mit der Planung der neuen Stadt betraut war, hatte sich verbreitet wie ein Lauffeuer. Täglich kamen viele ungebetene Besucher. Erst die Edelleute aus Athen und dann auch die von ausserhalb. Sobald das eine Paar Sandalen ging, kam das nächste. Sie scharwenzelten um meine Wachstafel und konnten ihre Augen kaum von den Planquadraten lösen. Fast hundertmal erklärte ich, dass die Planung von der Gleichberechtigung der Wohnstandards bestimmt wird. Damit alle Bürger den gleichen Zugang zu allen Stadtteilen haben. Zum Markt, zu den Abstimmungen, den Tempeln und den Freizeitangeboten. Keiner hörte mir zu. Also liess ich die Besuche nur noch über mich ergehen. Als mein Vater hinkend zurückkam, war ich erleichtert und erzählte ihm alles. Er lächelte verständnisvoll und sagte: „Mach dir keine Sorgen. Morgen befreien wir uns von den Geiern.“ 

Am nächsten Tag stand ich an der Wachstafel als der erste Gast eintrat. Kaum hatte er sich vorgestellt, hinkte mein Vater hinein und rief: „Willkommen! Ihre Zeit ist sicher kostbar. Wie können wir helfen?“ Ich sah dem Gast an, dass er überrascht war. Angespannt antwortete er: „Wertvolle Zeit. Gerade für uns Diener des Volkes.“ Er studierte Vaters Gesicht und sagte: „Als Theatermacher ist das Wohl der Bürger mein Beruf.“ Wir schauten ihn regungslos an bis er fortfuhr: „Aber leider verringern die neuen mechanischen Bühnen die Sitzplätze. Wir simulieren Wetter und Landschaft. Lassen selbst die Götter erscheinen. Darum muss das Theater in der neuen Stadt grösser werden. Das Publikum wird davon am Meisten profitieren.“ Vater nickte deutlich und sagte ernst: „Natürlich. Ihr seid mit eurem Anliegen am richtigen Ort.“ Dann hinkte er vom Tisch weg und rief: „Kommt. Wir müssen augenblicklich euer Begehren umsetzen.“ Daraufhin eilte der Gast hinterher mit leuchtenden Augen. Auf halber Strecke drehte sich Vater zu ihm und sagte energisch: „Das Glück ist auf euerer Seite. Der Aufseher des Volksrates ist gerade im Haus. Er wird einen offiziellen Antrag erstellen.“ Unser Gast erstarrte und suchte vergebens Halt in den ernsten Augen vor ihm. Dann schnaubte er verächtlich und lief wütend hinaus.

Vater strahlte und sagte: „Niemand kann seinen Eigennutzen manipulativ durchsetzen und ihn gleichzeitig offenlegen. Solche Menschen werden immer den Eindruck wahren wollen, dass sie Rücksicht nehmen auf die Interessen anderer. Darum suchen sie dafür die Dunkelheit. Indem du Klarheit schaffst Elias, werden solche Menschen deine Nähe meiden. Denn es wird sich bald herum sprechen, dass wir als attische Stadtplaner nur zum Wohle der Polis arbeiten.“

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© messina solutions | 20.04.2026

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Im Tal der zehrenden Lichtgestalt

Prosa Pralinen und anderes episches Konfekt | Im Tal der zehrenden Lichtgestalt

Als wäre ich in eine Trauerfeier hineingeplatzt. Wehmütige Blicke, hängende Schultern und Seufzer. Seit ich ad interim das Projekt leite, ertrinken meine Einwirkversuche in dieser schweren Beerdigungsstimmung. Mit wiederkehrenden Andeutungen werde ich abgespeist und abserviert. Immer wieder tischt man mir die Lücke auf, die mein Vorgänger hinterlassen hat. Professor Hector Aristide ‚die fesselnde Lichtgestalt von ausserordentlichem Format‘. Zweifelsohne hat er das bemerkenswerte Vermögen, eminent viel Raum in absentia einzunehmen. Keiner weiss, dass ihm die Uni ihre ehrwürdigen Hallen fristlos verschlossen hat. Dass er den Lehrstuhl für Archäologie verliert und ein Strafverfahren eingeleitet wurde. Noch ist alles vertraulich. In dieser Projektgruppe würde mir ohnehin niemand glauben. Eine Glaubensgemeinschaft, die ihn als Heiligen verehrt und als Märtyrer feiern wird. Für sein Projekt trage ich nun die Verantwortung. Während die Fördergelder und das Ansehen des Dekanats auf dem Spiel stehen.

In der Fakultät nennt man inoffiziell alle Detektoren und Sonden beim Vornamen von Aristide. In einem Akt von bizarrem Widerstand, haben auf meiner ersten Tour alle einen schwarzen Trauerflor an ihrem ‚Hector‘ angebracht. Die tiefere Ironie ist, dass er sich stets der Funde anderer bemächtigt hat. Und eben nicht die ausgemachte Spürnase ist für archäologische Funde. Um das zu wissen, sind sie zu jung. Umso trauriger macht mich, dass sie jede Entscheidung aufwiegen, mit denen ihres himmlischen Lichtbringers. Dass er mir wie eine Wolke, über jedem Schritt folgt. Mir ist klar, dass der Schrein den man Hector gebaut hat, bald dem Kuss der Holzwürmer anheimfällt. Nach dem Strafverfahren wird bekannt, dass er sich Vermögensvorteile verschafft hat.

Aber der Sand im Getriebe muss endlich abfliessen. Dafür muss sich die geblendete Gefolgschaft, aus dem mentalen Fussfall erheben. Die Vertraulichkeitspflicht lässt mir fast keinen Spielraum. Also habe ich nach Dienstvergehen gesucht, die noch unbekannt sind. Als ich auf eine Konferenz musste, nutzte ich meine Abwesenheit und liess die Dokumente ausliefern. Ins Dekanat und an die Projektgruppe. Jetzt sehe ich die vier verpassten Anrufe vom Sekretariat und weiss, dass ich den Rückruf nicht mehr aufschieben kann. Unsicher und angespannt, bemühte ich mich um eine unauffällige Stimme: „Hallo, du hast mich gesucht?“ – “Hi. Wollte dich bloss vorinformieren. Ein Dossier über Aristide ist im Umlauf. Schicke dir die Details per Mail. Nur damit du nicht überrascht wirst. Komm gut zurück!“

Bei der nächsten Feldsuche, standen alle schon bereit als ich kam. Selbst die hingebungsvollsten Hardliner haben nie wieder die Legenden von Aristide wiedergekaut.

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© messina solutions | 25.03.2026

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Sprachtiefenroboter

Prosa Pralinen und anderes episches Konfekt | Sprachtiefenroboter

„Der Prototyp ist soweit!“ sagte der Softwareingenieur begeistert. Behutsam legte er einen irisierenden Hemdknopf auf das Pult von Frau Bruchsteg. Mit dem NeedRead wollte sie die Firma an die Marktspitze katapultieren. Mit einem prüfenden Blick fragte sie ihn: „Kamera stellt mehrere Gesichter scharf? Und die Rückblende läuft in allen Sprachen?“ – „Positiv. Mit Frauen- oder Männerstimmen. Knopf mit App koppeln. Rückblende starten.“, leierte er in einem unterkühlten Staccato. Zufrieden sagte sie: „Robin arbeitet an der Präsentation für die Geschäftsleitung. Man soll sehen, wie die Software aus Mimik sowie Stimme Emotionen erkennt und im Gesprächskontext interpretieren kann. Zeigen sie ihr, wie eine Auswertung als Rückblende in der App aussieht.“ Er nickte und verliess emsig das Büro. Gerade mit seiner sparsamen Ausdrucksform war er für sie unverzichtbar.

Ein zielfokussierter Austausch war ihr ohnehin am liebsten. Keine Seiltänze oder Hindernisläufe, wo man jedes Wort abwägen muss. Jedes Bedürfnis vorwegnehmen soll. Wehe dir, wenn du als Chefin nur einmal falsch verstanden wirst. Dann wird dir das Loyalitätskonto saldiert und musst zurück auf Feld eins. Dabei blieben beinahe alle Opfer, die man bringt ungesehen und ungehört. Ihr stiegen die Tränen hoch, als sie den Hemdknopf sah. Sie fragte sich, wie sie den NeedRead in ihren Führungsaufgaben anwenden würde. Aus dem Strom von Vorstellungen bildete sich eine deutliche Kulisse, die sie nach und nach erkundete. Sie sah, wie sie im Gespräch leichtfüssig auf Personen einwirkt. Scharfsinnige Fragen stellt und mit beeindruckenden Argumenten brilliert. Beliebte Entscheidungen fällt. In der Kaffeepause dazu sitzt, ohne dass die Gespräche oberflächlich werden. In den Raum kommt und strahlende Gesichter wenden sich ihr zu. Alles aus dem Stegreif. Ohne dafür auf Tuchfühlung zu sein. Eine belebende Kraft füllte ihren ganzen Körper aus.

Abrupt riss sie sich aus dem Kopfkino und fixierte den Prototypen. Das war der Weg. Damit konnte sie endlich weit genug in die Leute hineinsehen. Sie brauchte einen Plan. Als Vorgesetzte alle in längere Gespräche zu verwickeln, war viel zu auffällig. Wer die Kamera trug, musste unverfänglich Gespräche über die Chefin initiieren können. Frau Augenreh! Sie war als Einzige immer loyal. Folgsam versprach sie das Team auszufragen. Für die Wohlfahrt der Abteilung, selbstverständlich streng geheim. Vier Tage später, klopfte es pünktlich zur vereinbarten Übergabe an Bruchstegs Büro. Erleichtert rief sie: „Herein!“ Die Tür schwang auf und ein Mann im Dreiteiler trat ein. Leonid Kroner der COO lief wortlos auf die versteinerte Frau zu. Er legte schnaubend den Prototypen vor sie hin. Angesichts seiner unzugänglichen Augen spürte sie, dass es kein Entrinnen mehr gab. Ihre Geisteskräfte verstummten. Sie kämpfte nicht an gegen die Mühlen, die sich gerade in Bewegung setzten, um sie zu zermürben.

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© messina solutions | 25.02.2026

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Kein (solcher) Sumpf je vom Himmel gefallen

Prosa Pralinen und anderes episches Konfekt | Kein (solcher) Sumpf je vom Himmel gefallen

Gummistiefel im Büro tragen zu müssen, war eine seltsame Umstellung. Um dort fast täglich im grauen Schlamm zu stapfen, waren sie dann doch sehr praktisch. Innerhalb von fünf Tagen sedimentierte sich die Pampe zu sandigem Boden. Aber nach einer Woche standen wir wieder im Schlick. Erst dachte ich, es wäre gut das Problem endgültig zu lösen. Doch das hätte wohl zu lange gedauert. Niemand hätte die liegengebliebene Arbeit je aufholen können. Die Steckdosen waren ja auf Brusthöhe. Also bestand auch keine Gefahr für Leib und Leben.

Gelegentlich bewaffnete sich eine kleine Gruppe mit Eimer, Schaufel und Spitzhacke. Damit wurde dann Schlamm abgeschöpft oder das sandige Gestein aufgelockert und abgetragen. Dabei verursachten die Grabenden so viel Lärm und Schmutz, dass sie aufgaben oder darum gebeten wurden. Solche Versuche mehrten sich immer, wenn neue Angestellte voller Tatendrang kamen. Doch die Zuversicht versickerte schnell wieder. Widerstandslos wateten wir durch den zähflüssigen Matsch und gewöhnten uns an das unebene Gestein. Manche trugen Überhosen oder Wegwerfhandschuhe. Ich lagerte Handbürsten und Haarnetze im Garderobenschrank. Andere bemalten und schmückten ihre Stiefel. Alle benutzten familientradierte Hausmittel gegen die eingekrusteten Flecken.

Es ging nicht anders als diese unfreundliche Umwelt, mindestens auf den Textilien, nach Hause zu tragen. Wo meine Ehefrau nicht müde wurde, ihre Sprachlosigkeit darüber zu verdeutlichen. Alles, was ich mit einem Schulterzucken abtun konnte, fand sie immer noch befremdlich. Also redeten wir oft über das Dahindümpeln des Sumpfes. Die ständige Auseinandersetzung damit, war mir unangenehm. Aber die Kontrastierung war wie das Massieren eingeschlafener Glieder. Sie hat mich aus der Lähmung geweckt.

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© messina solutions | 29.01.2026

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