Konfekt Die Macht der Aufopferung Prosa Pralinen und anderes episches Konfekt | Die Macht der Aufopferung Der blutdurchtränkte Verband um seine Wade war das Erste, das man an Frob sah. Schweissgebadet zog er sein verletztes Bein nach, während er mit dem Eimer zur Zisterne hinkte. Seine Pflichttreue war bewundernswert. Nur knapp war der Wasserträger einem Berglöwen entkommen. Und schon am nächsten Tag kämpfte er sich wieder den Steilhang hoch und runter. Weil die Wunde ihn einschränkte, beschlossen wir solidarisch das Wasser sparsamer zu nutzen. Aber bald wurden erste Widerstände laut. „Soll jemand anderes Wasser holen!“, verlangte eine wütende Stimme. „Zu gefährlich.“, entgegnete Frob, „Löwen gehen um. Jetzt muss man jeden Winkel kennen. Jede morsche Wurzel. Jeden losen Stein.“ Zähneknirschend einigten wir uns darauf, auszuharren. Leider stagnierte seine Genesung und die Zisterne wurde immer leerer. Unser Rat sah sich gezwungen einzugreifen. Frob sollte einer Begleitperson alle Tücken des Pfades zeigen. Beim ersten Abstieg brach sich die Begleitung beide Arme. Dennoch beharrte der Rat auf dem Beschluss. Noch in derselben Nacht weckten mich Schreie. Benommen trat ich vor die Tür und stand vor einem lodernden Leuchten, das die Dunkelheit zerriss. Alle packten mit an und zum Glück verkohlte nur ein Schuppen. Dafür wurde die Zisterne restlos geleert. Frob wollte nicht bis zum Morgengrauen warten und holte sofort das Tragjoch. Ich sah noch, wie er in den Wald hinkte. Gerührt von seiner Treue schaute ich ihm hinterher, als plötzlich die Kräuterfrau Ilsa am selben Ort ins Geäst verschwand. Besorgt eilte ich ihr nach. Im Mondlicht hangelte ich mich vorsichtig von Baum zu Baum den Pfad runter. Bis ich undeutliche Stimmen hörte, an denen ich mich orientieren konnte. Ich kam gerade noch rechtzeitig, um das Schlimmste zu verhindern. Er hörte zu spät, wie ich ihn ausser Gefecht setzte. Wir weckten die Ratsmitglieder erneut. Ilsa zeigte uns Salpeterflecken zwischen dem verkohlten Schuppen und Frobs Haus. Erzählte, wie sie ihn deswegen konfrontieren wollte. Mein Bericht setzte ein, als er sie in die Schlucht stossen wollte und in Rage alle Vergehen eingestand. Eine fingierte Wunde, die ihm Zeit verschaffte. Stolperfallen, die seine Unentbehrlichkeit bestätigen sollten. Der Brand, mit dem er sich als Held inszenierte. Mit bitteren Gemütern standen wir in seiner Hütte und blickten voller Abscheu auf die Kisten vor uns. Auf das Gold, das gepökelte Wildbret und die Nüsse. Wir sahen, wofür er sich so viel Zeit erschwindelt hatte. Warum er unbehelligt bleiben wollte. Für was er bereit gewesen war, das Gemeinwohl zu opfern. „Gibt es die Berglöwen?“ fragte ich. Ilsa warf mir ein Fell vor die Füsse und sagte: „Er zieht ihnen das Fell über die Ohren und verkauft es den Händlern am Fluss. Wie alles andere, das er wildert.“ zu Prolog und Disclaimer von Prosa Pralinen und anderes episches Konfekt © messina solutions | 24.07.2026 zur Hauptseite | zu LinkedIn Sandra | zu LinkedIn Dario
Konfekt Maestro der Äquidistanz Prosa Pralinen und anderes episches Konfekt | Maestro der Äquidistanz Kopfschüttelnd legt der Dirigent seinen Taktstock hin. Alle Musiker halten den Atem an, während er den Blick durch die Runde schweifen lässt. Seine kritischen Augen mustern jedes Instrument. Der stille Tanz zwischen den ratlosen und besorgten Gesichtern friert ein, als der Dirigent sich räuspert. “Ich muss die Anordnung der Instrumente ändern. Wir sehen uns in drei Stunden.”, verkündet er trocken und ordnet seine Blätter. Die Konzertmeisterin an der ersten Geige steht als einzige auf. Zögerlich fragt sie: “Befolgen wir denn nicht mehr die historische Aufführungspraxis?”. Ein paar Hälse recken sich erwartungsvoll, als er vom Dirigentenpodest steigt. “Das Orchester ist zu gross, um es mit traditionellen Mitteln zu seiner wahren Grösse zu bringen.”, antwortet er frustriert. Er sieht, dass alle entsetzt sind. Energisch greift er zum weissen Stab auf dem Pult und streckt ihn demonstrativ in die Runde. “Dieser Stock”, polemisiert er euphorisch, “ist nicht einfach ein Baton, mit dem ich Signale gebe. Er ist der zündende Funken, an dem die flüchtige Musik entflammt. Mit ihm zähmt man die musikalischen Fluten, die sich ihren Weg in die Herzen bahnen. Er waltet über die Schleusen des beseelten Schalls. Und darum muss er auch auf jedes Instrument gleich oft und gleich lang zeigen. ” Behutsam legt er den Stab ab und sagt beschwichtigend: “Solange ich die Instrumente nicht konstant gleichbehandeln kann, werden wir nie mehr als die Summe aller Einzelstimmen werden. Kein einheitliches Ensemble sein. Ich muss allen gleichgerecht werden. Dafür habe ich endlich eine Lösung.” Stunden später betreten die Musiker wieder den Orchestergraben, wo sie argwöhnisch die runde Plattform aus Holz betrachten. Viele erinnert es an ein Amphitheater. Andere an ein Karussell. In der Mitte steht der Maestro und bittet alle auf die angeschriebenen Plätze zu sitzen. Die drei aufsteigenden Ringe um ihn, sind schnell besetzt. “Willkommen auf dem Conductor Volvendo”, verkündet er überschwänglich, “dem rotierenden Podest. Keine Angst. Nur mein Boden wird sich drehen. Ihr werdet schnell den dreh raushaben. Unser Intendant schaut uns von der Empore zu.” Mit viel Elan klopft er zum Auftakt und aktiviert die Rotation. Die Partitur kommt ins Rollen, während er sich um seine eigene Achse dreht. Die Kräfte übertragen sich auf den Körper und erschüttern seine Balance. Das Konzentrieren fällt ihm immer schwerer. Gesichter verschwimmen. Töne verschmelzen. Sein Stab fällt zu Boden. Die erste Geige findet das Stromkabel und erlöst ihn. Als der Boden unter ihm zum Stehen kommt, schwankt er noch und rudert mit den Armen. Mit unsicheren Schritten taumelt er aus dem Saal, während der Intendant, ihm alle Schande sagt. zu Prolog und Disclaimer von Prosa Pralinen und anderes episches Konfekt © messina solutions | 25.06.2026 zur Hauptseite | zu LinkedIn Sandra | zu LinkedIn Dario
Konfekt Entgleisung stellt Weichen Prosa Pralinen und anderes episches Konfekt | Entgleisung stellt Weichen Des Grossherzogs Herzensprojekt, die erste transkontinentale Zugstrecke, stand kurz vor der Einweihung. Er beauftragte den Hofingenieur die Schienenwege mit dem Luxuszug zu testen. Tausende Kilometer unter den widrigsten Wetterbedingungen mit Gästen, die in den Schlaf- und Speisewagen versorgt werden mussten. Eine Leitungseinheit wurde einberufen und dem Ingenieur unterstellt. Sie waren kaum losgefahren, als ihre erste Sitzung aus dem Ruder lief. Alle vier Offizianten glaubten, dass sie die Reise nicht schadenfrei überstehen würden. Der Ingenieur beharrte auf seiner Deutungshoheit und berief sich auf seine technische Expertise. Aber die Überzeugung wollte nicht aus ihren Köpfen weichen. Solche Dispute waren ihm ein Gräuel. Als er die Diskussion abbrach, war er sich sicher, dass sie an Hirngespinsten festhielten. Viele in der Besatzung teilten dieselben Ängste. Nur hatten ihre gleichgestimmten Vorgesetzten diesen nichts entgegenzusetzen. Man tuschelte über nichts anderes mehr. Das Gasflaschenlager im hintersten Wagen wurde zum inoffiziellen Gruppentreffpunkt dafür. Mehrmals am Tag diskutierte man über aussetzende Dampfmaschinen, Erdrutsche und einstürzende Brücken. Die kleinste Sorge wurde zum äussersten Schreckensszenario aufgeblasen. Bis das gesamte Personal glaubte in einem fahrenden Sarg zu stecken. Eines nachts jagten Schreie den Ingenieur aus seinem Schlaf. Im kahlen Licht der Karbidlampe lief er zu den hinteren Wagen, wo der Tumult herkam. Zu den Rufen kam ein kurzes Kreischen in unregelmässigen Abständen. Er wusste genau was das war und stand schon bald an der besorgniserregenden Stelle. Die Kupplung zum hintersten Wagen war arg beschädigt. Seine Offizianten standen auf der anderen Seite und sahen angsterfüllt auf die angebrochene Spindel. Hinter ihnen drängten sich Besatzungsleute. Der Ingenieur wusste, dass sie nicht viel Zeit hatten. Ein ausbrechender Wagen mit Gasflaschen konnte viel Schaden anrichten. Er wies sie an, sich zu verteilen. Innerhalb von Minuten hatte er die Situation entschärft. Als der Zug stand wurde die Kupplung repariert. Am nächsten Bahnhof rangierte man den Wagen aus und legte die Unterkünfte der Angestellten zusammen, um Platz für das Gas zu machen. Währenddessen traf sich die Leitungseinheit zu einer Krisensitzung. Die Zusammenhänge hatten sich schlagartig in ihr Bewusstsein gedrängt. Die konspirativen Treffen, mit denen die Zughakenlast überschritten wurde. Die ausufernden Kräfte, welche sie als Leitende nicht vermocht haben aufzufangen. Die lösungsorientierte Ausrichtung, die sie als gespaltene Einheit nicht schaffen konnten. Ihnen war noch nicht klar, wie sie vorgehen würden. Aber alle waren sich einig, dass sie das nächste Fiasko verhindern wollten, miteinander. zu Prolog und Disclaimer von Prosa Pralinen und anderes episches Konfekt © messina solutions | 29.05.2026 zur Hauptseite | zu LinkedIn Sandra | zu LinkedIn Dario
Konfekt Vom Luftschloss begraben Prosa Pralinen und anderes episches Konfekt | Vom Luftschloss begraben Meine erste Todesermittlung war 1917. Die Hitze der Mittagssonne staute sich unter meiner Uniform, als ich mit dem Feldwebel am Fundort stand. Auf der geteerten Dorfstrasse parkierte ein neumodischer Lastwagen mit offener Heckklappe. Davor lag ein Haufen aus grossen Holzkisten und Paketen. Erst als wir nähertraten, sah ich die Arme und den Kopf eines Mannes. Erschlagen und überschüttet. Ich versuchte die Dauerschleife zwischen Wissensdurst und Entsetzen auszuhalten. Ich musste seine Frau mit der tragischen Nachricht aus ihrem Alltag reissen. In Tränen aufgelöst, teilte sie mit uns aufschlussreiche Einzelheiten. Mit der neugegründeten Spedition hatte sich ihr Mann schnell in eine Sackgasse manövriert. Noch bevor er den LKW gekauft hatte, überstiegen die Aufträge seine Kapazität. Das hinderte ihn nicht, weiterhin neue anzunehmen. Die Garage reichte als Lager nicht mehr aus und im ganzen Haus häuften sich Kisten. Die Papierablage wurde unübersichtlich. Bald lieferte er die Ware entweder verspätet, beschädigt oder am falschen Ort. Zwei Tage vor dem Vorfall hatte ein Windstoss die Lieferzettel aus der Garage in den Regen hinausgeweht. Seine Frau bat ihn telefonisch die Zielorte zu überprüfen. Aber seine Angst, sich unbeliebt zu machen, war zu gross. Er fuhr ohne die genauen Adressen los. Dabei verzögerte sich jede Etappe. Zeugen haben bestätigt, dass er die Pakete mehrmals hektisch verschoben hat. Seine Kunden haben von einem instabilen Laderaum ohne Sicherung berichtet. Beim letzten Entladen lief sogar noch der Motor, als er in den Laderaum steigen wollte. Dabei ist das Ladegut letztlich über ihn hereingebrochen. In meinen vierzig Dienstjahren habe ich diesen Fall nie vergessen. Dieser Mann, der keine Grenzen setzen und nicht Nein sagen konnte. Der zu konfliktscheu war und jede Bitte erfüllen musste. An den Teufelskreis, der ihn gefangen hielt und schliesslich verschluckt hat. In meiner Laufbahn habe ich viele Menschen gesehen, die im selben Sog untergegangen sind. Heute, am Tag meiner Abdankung, übergebe ich Dir nicht nur alle Verantwortungen, sondern hinterlasse Dir auch diese Anekdote. Mit den besten Wünschen, Oberst Instruktor a.D. zu Prolog und Disclaimer von Prosa Pralinen und anderes episches Konfekt © messina solutions | 09.05.2026 zur Hauptseite | zu LinkedIn Sandra | zu LinkedIn Dario
Konfekt Ungebetene Gäste Prosa Pralinen und anderes episches Konfekt | Ungebetene Gäste Ich lernte gerade bei meinem Vater die Arbeit als Stadtplaner, als er in die Schlacht gegen Sparta reiten musste. Stolz übernahm ich seine Aufgaben. Aber keine Woche verging, da war mein Tatendrang verflogen. Dass ich alleine mit der Planung der neuen Stadt betraut war, hatte sich verbreitet wie ein Lauffeuer. Täglich kamen viele ungebetene Besucher. Erst die Edelleute aus Athen und dann auch die von ausserhalb. Sobald das eine Paar Sandalen ging, kam das nächste. Sie scharwenzelten um meine Wachstafel und konnten ihre Augen kaum von den Planquadraten lösen. Fast hundertmal erklärte ich, dass die Planung von der Gleichberechtigung der Wohnstandards bestimmt wird. Damit alle Bürger den gleichen Zugang zu allen Stadtteilen haben. Zum Markt, zu den Abstimmungen, den Tempeln und den Freizeitangeboten. Keiner hörte mir zu. Also liess ich die Besuche nur noch über mich ergehen. Als mein Vater hinkend zurückkam, war ich erleichtert und erzählte ihm alles. Er lächelte verständnisvoll und sagte: „Mach dir keine Sorgen. Morgen befreien wir uns von den Geiern.“ Am nächsten Tag stand ich an der Wachstafel als der erste Gast eintrat. Kaum hatte er sich vorgestellt, hinkte mein Vater hinein und rief: „Willkommen! Ihre Zeit ist sicher kostbar. Wie können wir helfen?“ Ich sah dem Gast an, dass er überrascht war. Angespannt antwortete er: „Wertvolle Zeit. Gerade für uns Diener des Volkes.“ Er studierte Vaters Gesicht und sagte: „Als Theatermacher ist das Wohl der Bürger mein Beruf.“ Wir schauten ihn regungslos an bis er fortfuhr: „Aber leider verringern die neuen mechanischen Bühnen die Sitzplätze. Wir simulieren Wetter und Landschaft. Lassen selbst die Götter erscheinen. Darum muss das Theater in der neuen Stadt grösser werden. Das Publikum wird davon am Meisten profitieren.“ Vater nickte deutlich und sagte ernst: „Natürlich. Ihr seid mit eurem Anliegen am richtigen Ort.“ Dann hinkte er vom Tisch weg und rief: „Kommt. Wir müssen augenblicklich euer Begehren umsetzen.“ Daraufhin eilte der Gast hinterher mit leuchtenden Augen. Auf halber Strecke drehte sich Vater zu ihm und sagte energisch: „Das Glück ist auf euerer Seite. Der Aufseher des Volksrates ist gerade im Haus. Er wird einen offiziellen Antrag erstellen.“ Unser Gast erstarrte und suchte vergebens Halt in den ernsten Augen vor ihm. Dann schnaubte er verächtlich und lief wütend hinaus. Vater strahlte und sagte: „Niemand kann seinen Eigennutzen manipulativ durchsetzen und ihn gleichzeitig offenlegen. Solche Menschen werden immer den Eindruck wahren wollen, dass sie Rücksicht nehmen auf die Interessen anderer. Darum suchen sie dafür die Dunkelheit. Indem du Klarheit schaffst Elias, werden solche Menschen deine Nähe meiden. Denn es wird sich bald herum sprechen, dass wir als attische Stadtplaner nur zum Wohle der Polis arbeiten.“ zu Prolog und Disclaimer von Prosa Pralinen und anderes episches Konfekt © messina solutions | 20.04.2026 zur Hauptseite | zu LinkedIn Sandra | zu LinkedIn Dario