Prosa Pralinen und anderes episches Konfekt | Maestro der Äquidistanz

Kopfschüttelnd legt der Dirigent seinen Taktstock hin. Alle Musiker halten den Atem an, während er den Blick durch die Runde schweifen lässt. Seine kritischen Augen mustern jedes Instrument. Der stille Tanz zwischen den ratlosen und besorgten Gesichtern friert ein, als der Dirigent sich räuspert. “Ich muss die Anordnung der Instrumente ändern. Wir sehen uns in drei Stunden.”, verkündet er trocken und ordnet seine Blätter. Die Konzertmeisterin an der ersten Geige steht als einzige auf. Zögerlich fragt sie: “Befolgen wir denn nicht mehr die historische Aufführungspraxis?”. Ein paar Hälse recken sich erwartungsvoll, als er vom Dirigentenpodest steigt. “Das Orchester ist zu gross, um es mit traditionellen Mitteln zu seiner wahren Grösse zu bringen.”, antwortet er frustriert. Er sieht, dass alle entsetzt sind. Energisch greift er zum weissen Stab auf dem Pult und streckt ihn demonstrativ in die Runde. “Dieser Stock”, polemisiert er euphorisch, “ist nicht einfach ein Baton, mit dem ich Signale gebe. Er ist der zündende Funken, an dem die flüchtige Musik entflammt. Mit ihm zähmt man die musikalischen Fluten, die sich ihren Weg in die Herzen bahnen. Er waltet über die Schleusen des beseelten Schalls. Und darum muss er auch auf jedes Instrument gleich oft und gleich lang zeigen. ” Behutsam legt er den Stab ab und sagt beschwichtigend: “Solange ich die Instrumente nicht konstant gleichbehandeln kann, werden wir nie mehr als die Summe aller Einzelstimmen werden. Kein einheitliches Ensemble sein. Ich muss allen gleichgerecht werden. Dafür habe ich endlich eine Lösung.”

Stunden später betreten die Musiker wieder den Orchestergraben, wo sie argwöhnisch die runde Plattform aus Holz betrachten. Viele erinnert es an ein Amphitheater. Andere an ein Karussell. In der Mitte steht der Maestro und bittet alle auf die angeschriebenen Plätze zu sitzen. Die drei aufsteigenden Ringe um ihn, sind schnell besetzt. “Willkommen auf dem Conductor Volvendo”, verkündet er überschwänglich, “dem rotierenden Podest. Keine Angst. Nur mein Boden wird sich drehen. Ihr werdet schnell den dreh raushaben. Unser Intendant schaut uns von der Empore zu.” Mit viel Elan klopft er zum Auftakt und aktiviert die Rotation. Die Partitur kommt ins Rollen, während er sich um seine eigene Achse dreht. Die Kräfte übertragen sich auf den Körper und erschüttern seine Balance. Das Konzentrieren fällt ihm immer schwerer. Gesichter verschwimmen. Töne verschmelzen. Sein Stab fällt zu Boden. Die erste Geige findet das Stromkabel und erlöst ihn. Als der Boden unter ihm zum Stehen kommt, schwankt er noch und rudert mit den Armen. Mit unsicheren Schritten taumelt er aus dem Saal, während der Intendant, ihm alle Schande sagt.

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© messina solutions | 25.06.2026

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